„Adam Green“, Postbahnhof Berlin (20.02.2010) – Bericht, Fotos, Video
Am vergangenen Wochenende waren wir für eine Nacht und eine Geburtstagsfeier nach Berlin eingeladen. In so Städten wie Berlin ist ja immer irgendwas und so einigten wir uns schnell darauf, auch mal beim Konzert von Adam Green reinzuschauen, was dieser im Postbahnhof anlässlich seines neuen Albums „Minor Love“ gab.
Wie üblich bekam die Musik von Adam Green, dessen Großmutter übrigens mit Franz Kafka verlobt war, schnell einen griffigen Stempel aufgedrückt. „Anti-Folk“ nennt man sein Musik-Genre und das trifft es ausnahmsweise auch mal. Überwiegend ruhige, folkige Songs sind dass, die Adam Green auf mittlerweile schon sechs Alben hat pressen lassen, doch kommen diese komplett ohne die typisch-amerikanische Folk-Attitüde aus.
Stattdessen bekommt man sehr humorvolle, irgendwie kindisch-punkige, oft gesellschafts- oder sonstwie-kritische Texte zu hören, die meist etwas verschroben-schräges an sich haben. Das brachte ihm dann auch schon mal Vergleiche mit dem guten alten Jonathan Richman ein. Es ist Musik für heitere Autofahrten oder die ruhigen Momente im Leben. Man muss sie einfach mögen, wenn man einfaches mag … oder eben nicht.
Wir fahren mit der S-Bahn von Berlin-Steglitz zum Postbahnhof am Ostbahnhof. Warum in Berlin die S-Bahn „S-Bahn“ heißt, wo sie doch so oft unterirdisch fährt, während so manche Berliner U-Bahn mehr Tageslicht sieht, als der gemeine Kreuzberger, weiß ich nicht, aber es macht ein gutes Berlin-Flair, wenn man vor einem Konzert mal eine halbe Stunde S-Bahn fährt. Man kriegt ein Gespür für die Dimensionen der Stadt und die Vielfalt der Leute, die hier wohnen.
Der Postbahnhof steht so ziemlich im Schatten der schillernden O2-Arena, angenommen, die Sonne steht sehr tief. Wenn man so hell leuchtende Gebäude wie die O2-Arena sieht, fragt man sich ja immer, warum man zu Hause eigentlich überhaupt den Müll trennt oder das Licht ausmacht, wenn man den Raum verlässt. Aber egal…
Als wir den Veranstaltungsort betreten, ist dieser unerwartet klein, und die Vorband „Jukebox the Ghost“ spielt schon. Der Raum ist fast bis hinten hin voll und ich schätze die Zahl der anwesenden Zuschauer so auf 1.000 Leute. Es herrscht also eher Clubatmosphäre und man hat auch aus den hinteren Reihen eine gute Sicht auf die Bühne.
Die drei Herren aus Washington machten eine Stunde lang schöne, e-piano-lastige Popmusik mit einprägsamer Gesangsstimme. Statt einer albernen Beschreibung (man könnte dabei die Dresden Dolls bemühen und/oder die Trashcan Sinatras und würde trotzdem daneben liegen) gibt es unten einen kurzen Videoschnipsel für einen kleinen Eindruck. Ich fühlte mich gut auf das Konzert eingestimmt und abwechslungsreich unterhalten. Wirklich keine schlechte Musik..
Nach dem Umbau betrat dann Adam Green mit seiner Begleitband die Bühne. Ich hatte ja im Vorfeld schon ein wenig von seinem spleenigen Wesen und den Liveshows gelesen, doch man glaubt es ja immer erst, wenn man es dann sieht.
Herr Green rannte vom Start weg von einer Seite der Bühne auf die andere, dabei einen Tanzstil an den Tag legend, der das Titelbild seines aktuellen Albums imitierte. Es war schnell klar, dass er vor dem Konzert von irgendetwas zu viel eingenommen haben musste…und wenn es nur das gute deutsche Bier war. Davon jedenfalls trank er auch auf der Bühne in rauen Mengen und dass ist ja auch irgendwo okay.
Wenn sich die Vorband darüber freut, dass man auf deutschen Autobahnen Geschwindigkeiten fahren kann, die in den USA zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe führen würden, darf Adam Green auch mal auf der Bühne Bier trinken. Schließlich war das hier das letzte von drei Deutschland-Konzerten der aktuellen Tour und schließlich hat er sich erst vor einem Jahr von seiner langjährigen Freundin getrennt. Man weiß inzwischen, dass er das nicht so gut verkraftet hat und er danach ziemlich versackt ist. Einige im Publikum machten sich jedenfalls Sorgen, ob er diese Art Bühnenshow überhaupt ein ganzes Konzert lang durchhalten würde. Die Stimmung war gut, obwohl man sich zwischen all den American-Apparel-Leuten aus Berlin immer irgendwie sehr provinziell vorkommt. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man plötzlich auf erwachsene Männer in so einer Art mintgrün-weiß-karierter Strumpfhose trifft.
Adam Green startete sein Konzert mit einem Medley aus Songs der frühen Erfolgsalben und sang das alles so schnell, dass seine großartige Begleitband kaum hinterherkam. Er sprang hin und her auf der Bühne und auch immer wieder ins Publikum für ein Bad in der Menge. Die Security hatte Schwerstarbeit zu leisten. Auch der Tontechniker hatte es nicht leicht, denn regelmäßig riss bei gewagten Aktionen sein Mikrofon vom Kabel. Er lieferte also puren Rock ´n Roll zu einem künstlerischen Schaffen ab, das leider oft als „Mädchenmusik“ verkannt wird.
Trotz all dem Getanze, der stellenweise schweren Zunge, einiger textlicher Hänger und den weit aufgerissenen Augen, war nämlich immer noch erkennbar, dass da ein großartiger Musiker in ihm steckt. Das wurde besonders auch dann deutlich, wenn er die Bühne ganz für sich alleine hatte und er plötzlich ganz ruhig und brav auf der Akustikgitarre ein Lied wie „Give them a token“ brachte, dessen Textzeile dem jüngsten, eher melancholischen Album seinen Namen gab.
Später, so nach ungefähr neunzig Minuten, endete mit „Jessica Simpson“ der offizielle Konzertteil, bevor es in die Zugabe ging.
So oder so gesehen war das ein –hmm- eindrucksvolles Konzerterlebnis und von Adam Green kann man sich musikalisch noch so einiges mehr erhoffen. Er ist mit Mitte/Ende zwanzig sicherlich erst am Anfang seiner Karriere … andererseits hat man das früher auch mal von Amy Winehouse gesagt.
Zuschauer: ca. 1000
Preis: 27,50€
Links:
- Adam Green
- Jukebox the Ghost
- Postbahnhof
Videos:
(Bonus: Jessica Simpson [KLICK])
Fotos:
Trösten Sie sich, Eure Hoheit, denn die karierte Herrenstrumpfhose an sich und der metropole Trendagent im Speziellen sind doch arg überschätzt. Meist von sich selbst. Und mal ehrlich: Wollen Sie in pinkenen Beinkleidern? Also.
Apropos Kleider: Der Herr sei’s gedankt, dass niemand nach dem Konzert die doch sicher innerlich recht feuchte Green-Lederjacke auftragen musste. Es musste doch niemand, oder?
Auftragen musste hinterher niemand, aber die feuchte Lederjacke machte bei Green selbst schon den Eindruck, aufgetragen zu sein.
Da war oben und unten zu viel Green zu sehen.
Bei den Hosen sind wir d’accord. :)