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Phillip Boa, F-Haus Jena

So. Nun, da ich ein Ipad habe, kann ich hier ja auch immer mal wieder schreiben…

Jedenfalls war ich am Freitag bei „Phillip Boa and the Voodooclub“ in Jena im F-Haus und habe festgestellt, wie schön es ist, immer mal auf ein Konzert zu gehen und das man das viel öfter machen müsste. Lustig ist es zwar auch immer ein wenig, wenn sich die Mitfünfziger extra für so ein Konzert noch mal in die Teile ihrer Dark-Wave-Kluft werfen, die noch einigermaßen passen … oder wenigstens ins abgeranzte Projekt-Pitchfork-Shirt. Aber da muss jeder für sich selbst entscheiden.

Natürlich hatte ich auch wieder denjenigen neben mir stehen, der die ganze Zeit laut und falsch mitsingt, wie immer. Auf der Habenseite kann man festhalten, dass es mal wieder schön war, neue Leute kennen zu lernen und über andere Dinge zu reden.

Von allem anderen abgesehen war es natürlich auch ein supergutes, lebendiges Konzert und ich bin ja sowieso der Meinung, dass der Phillip Boa der Jetztzeit der beste aller Zeiten ist … trotz der epischen Hymnen wie „Container Love“ und „Kill your Ideals“ möchte ich das Album „Loyalty“ allen interessierten ans Herz legen.
Weiterhin festhalten muss man, das, egal welche Frau bei ihm singt, es immer die Frau mit der erotischsten Stimme überhaupt ist. Sehr angenehm.

Und zum Schluss gibt es dann noch meinen Konzertausschnitt, der von der offiziellen Boa-Seite auf Instagram geteilt wurde:

Ubu, ein Schauspiel in Leipzig

Prolog:
Die Gattin hat bei MDR Kultur einen positiven Bericht über ein Theaterstück im Schauspielhaus Leipzig gehört. Sie nahm dies zum Anlass, spontan zwei Karten zu kaufen, um Ihre 76-jährige Großmutter an die ehemalige Wirkungsstätte von deren Vater auszuführen. Diese ließ sich aber trotz erheblicher Versuche nicht zu einem Mitkommen überreden, der Respekt vor der großen Stadt war dann doch ein zu starkes Gegenargument.
So ergab es sich, dass ich spontan einsprang und auch ich hatte einige Berührungsängste mit dem modernen Theater. Wenn ich modernes Theater höre, denke ich sofort an nackt vor schwarzen Hintergründen herumspringende, wirre Monologe führende Menschen. Allerdings tendierte meine praktische Erfahrung mit Theater auch seit Jahren gen Null, wenn man mal ehrlich ist und vom zufälligen Vorbeizappen bei Arte und 3sat absieht.

Das Stück beginnt drei Minuten zu früh. Die Leute sind noch nicht im Saal. Ubus Verhandlung vor dem internationalen Gerichtshof läuft. „Verstehen sie mich, Herr Ubu?“ ist eine häufige Frage. Herr Ubu sitzt nackt in einem halbdurchsichtigen Käfig. Gesicht und feister Körper werden direkt riesengroß auf die Außenwand des Käfigs projiziert. Dann staksen irgendwann die übrigen Schauspieler in unnatürlichen Körperhaltungen und nervig modulierenden Stimmen auf die Bühne. Völlig überinszeniert wirkte das erstmal. Sämtliche Befürchtungen an das moderne Theater in unter 5 Minuten erfüllt, habe ich mir da in dem Moment gedacht und mich kurz ausgeklinkt. „Sind Theaterschauspieler eigentlich glückliche Menschen?“, dachte ich mir da, und: „Was verdient man eigentlich in Leipzig am Theater?“

Für mich wirkte das erstmal wie eine Mischung aus chinesischer Oper und Quatsch. Wie ich inzwischen gelesen habe (ich hatte mich vorher, entgegen meiner sonstigen Art, überhaupt nicht informiert), war der ursprüngliche König Ubu von 1896 ein als Groteske inszeniertes Marionettenstück und ein wichtiger Vorläufer des (Achtung!) modernen Theaters. Das Schauspiel war zumindest in der ersten guten Stunde des Abends dann wohl als eine Hommage hierauf zu verstehen und das wiederum gehörte zum Gesamtkonzept der Inszenierung, wie sich dann ja noch zeigte. Mit diesem Spiel wurde die „feine“ Gesellschaft wunderschön persifliert. Unnatürliche, hölzerne Bewegungen als Ausdruck gekünstelter Oberflächlichkeit, das kranke Bewahren der Maske, das Mitmachen, um Nutznießer des Systems bleiben zu können. Es wurde somit das weitgehend ungesteuerte Ausleben von niederen Instinkten und Trieben gezeigt, wie es nur in einer Gewaltherrschaft gleichzeitig Ausdruck und neuen Nährboden finden kann. Ein sich selbst befruchtendes System aus Mitläuferei und niedersten Rohheiten zum Machterhalt und -ausbau. Das Schauspiel nutzt Elemente wie 50er-Jahre-Optik, Stummfilmeinspieler und historische Punchlines („Ich liebe doch alle Menschen“), um klar zu machen, dass eine zeitliche Verortung des Stücks nicht nötig ist. Bis in die Neuzeit wirken Menschen wie König Ubu in den höchsten Machtetagen. Schön auch, wie sich Ubu in einer Szene genervt darum bemüht, gendermäßig saubere Sprache zu verwenden („Gesetze und Gesetzinnen“), sicher auch, um bewusst zu machen, wie albern solche Nebenschauplätze gegenüber dem Gesamtzustand einer Gesellschaft sein können. Das Schauspiel nimmt sich nie zu ernst, sondern ist immer selbstironisch-grotesk, zum Beispiel, wenn er Gesetze mit der benutzten Klobürste unterzeichnet oder sich die Königin beiläufig Beischlaf bei einem der Getreuen ihres Gatten holt. Am Ende kommt es, mehr oder weniger auch nur aufgrund von persönlichen Eitelkeiten, zum Krieg mit Russland. Anschließend endet das Stück mit dem zweiten Teil von Ubus Prozess. Im Reportagestil werden die Protagonisten mit investigativ-reißerischen Journalistenfragen konfrontiert und antworten plötzlich erstaunlich natürlich und ehrlich, als wären sie eben aus einem schlechten Traum erwacht. Der Soldat hat selbstverständlich nur Befehle ausgeführt, das Ausmaß und die Folgen waren im dabei völlig egal. Auch alle anderen geben zwar zu, Teil des Gesamtsystems gewesen zu sein, sind sich selber aber keiner direkten Schuld bewusst. Am Ende ist auch König Ubu kein naiver Stumpfling mehr, sondern gibt vor Gericht erstaunlich schlaue Sätze zu Protokoll. Er fragt, was diese Gerichtsverhandlung eigentlich soll, steht sie doch nur im Interesse einiger weniger, die die Moral hochhalten wollen. Er gibt wahrheitsgemäß zu verstehen, selbst nie jemanden getötet zu haben. Dann endet die Vorstellung, wie sie begonnen hat mit dem Verlesen der Anklageschrift und der Vorhang fällt. Zurück auf Anfang.

Fazit: Der Firniss der Zivilisation ist dünn, doch er lässt sich auch nicht nur von einem Einzelnen zerreißen.

Epilog:
Ich bin nach wie vor nicht überzeugt davon, ob Theater noch irgendwann eine von mir präferierte Kunstform sein wird, aber von der Umsetzung dieses Stücks konnte man schon begeistert sein. Die schauspielerische Leistung war, soweit ich das einschätzen kann, bis hinein in die Nebenrollen großartig. Das Bühnenbild in Verbindung mit den Liveprojektionen und dem musikalischen Konzept wirkte rund und passend, wie auch die Garderobe aller Handelnden. Und am Ende muss es ja auch jemanden geben, der sich das alles erst einmal ausdenkt und künstlerisch wertvoll auf die Bühne bringt. Das hat hier alles gut geklappt und sicher wird man auf keinen Fall geistig ärmer, wenn man einmal im Jahr (oder so) auch mal in ein Theater geht. Von daher fand ich es auch schön, dass der Saal nicht nur voll war, sondern vom Kunststudenten bis zum pensionierten Lehrerehepaar alle Altersschichten abdeckte. Kultur geht uns schließlich alle an!

Link: www.schauspiel-leipzig.de

Faber, Täubchenthal Leipzig

Wir waren mal wieder gemeinsam in der großen Stadt. Wenn man zwei kleine Kinder hat, die noch nicht in die Schule gehen, kommt das selten genug vor. Also nicht so sehr das Weggehen an sich, sondern das gemeinsame Weggehen ohne Kinder.
Vorher waren wir deswegen zur Feier des Tages auch noch etwas essen. In Kleinzschocher, einem Suburb von Leipzig. Und wenn man in Kleinzschocher was essen geht, ist das so, als hätte man die eigene kleine Stadt nie verlassen. In Leipzig ist man dort nicht und man ahnt, wo in Leipzig die AfD gewählt wurde und von wem, nämlich der chinesisch essenden Arbeiterfamilie, die sich für alle hörbar über den blinkenden Buddha im Fenster beschwert.

Keine 4 Kilometer weiter waren wir dann mittendrin in Plagwitz, welches, nach allem was man so hört, Connewitz als das nächste große Ding in Leipzig folgt. Dort ist schöner kreativer Aufbruch und aus alten Industriebrachen werden hippe Lofts, Restaurants und studentisch anmutende Veranstaltungsräume. Das „Täubchenthal“, in dem wir das erste Mal waren, gehört da wohl mit dazu. Ein optisch sehr schöner Veranstaltungsort mit Laubengängen (innen und außen), der es in knapp vier Jahren zu einem der angesagten Veranstaltungsorte in Leipzig geschafft hat.

Dann steht man da, zwischen einigen hundert Erst-, Zweit- und Zwanzigsemestern, sowie jungen Kreativen und freut sich, dass es auch in dieser Generation wunderbar positiv idealistische Adoleszente gibt, die eine klare Vorstellung davon haben, wie eine bessere Welt aussehen müsste. Denn so lange es die noch gibt, gibt es auch eine Zukunft. Außerdem macht es einen ein bisschen stolz, dass man trotz seiner beinahe 40 Sommer den heißen Scheiß immer noch erkennt, wenn man ihn sieht, denn der Laden hier ist ausverkauft, wie so viele andere auf der Tour auch, und was soll das anderes heißen, als das hier heute eine Band spielt, die dick im Kommen ist.
Mit ähnlich positiven Eindrücken kommt eine schweizerische Mariachi-Band als Vorband auf die Bühne, die gleich mal klarstellt, das Sachsen offenbar ein riesiges Imageproblem zu haben scheint, nachdem man in Dresden und Leipzig ausschließlich positive Erfahrungen mit den Menschen gemacht hätte. Mit Mariachis als Einheizer kann man jedenfalls schon mal nicht viel falsch machen, wie sich zeigt. Das Publikum ist von Anfang an sehr dankbar, trotz dicker Luft im Raum, relativ dumpfer Akkustik in den hinteren Reihen und wenig Platz.

Nach der Vorband und einer etwas lang bemessenen Zwischenpause kommen dann „Faber“ auf die Bühne. Eigentlich konnte ich vor dem Konzert gar nicht so richtig erklären, warum die Band mich so überzeugt, seit ich sie entdeckte. Während des Konzertes wurde es aber um einiges klarer.
Da stehen einfach einige unverbrauchte Multiinstrumentalisten Anfang zwanzig auf der Bühne, die zwar die Musik nicht neu erfinden, aber mit viel Spiel- und Experimentierfreude einen ehrlichen und vor allem abwechslungsreichen Mix verschiedener Musikstile abliefern. Ein breites, fast kindlich dargebotenes Spektrum zwischen Balkanpop und Schweizer Liedermaching. Da spielt der Pianist zwischendurch auch mal Akkordeon, einer wechselt stetig zwischen Perkussionsschlagzeug und Posaune und allen merkt man an, dass sie ihre Songs prinzipiell ungern noch mal haargenauso spielen, wie am Abend zuvor. Das macht Spaß, auch bei den ruhigen und ernsten Liedern. Trotzdem würde die Musik alleine nicht so gut funktionieren, gäbe es nicht die Präsenz und einzigartige Stimmfarbe des Sängers sowie vor allem die schönen direkten zeitgeistigen Texte, die von Liebe, Krieg und Sozialkritik handeln. Wovon auch sonst. Das ist schön, wird aber auch nie oberlehrerhaft, denn irgendwie schwingt immer auch eine leichte Nuance Selbstironie über allem, welche der Ernsthaftigkeit jedes „zu viel“ an Druck nimmt. Man sah hier eine Band, die im Aufbruch ist und die sich ernsthaft und ehrlich staunend darüber freut, dass auf einmal tausende Leute zu ihren Konzerten kommen und sogar die Lieder mitsingen können.

An diesem Abend gibt es insgesamt nichts zu kritisieren. Ich bin mir sicher, dass man die auf den meisten großen Festivals im nächsten Sommer wird sehen können. Gleichzeitig bin ich gespannt, wie es mit dieser Band musikalisch weitergeht, wenn sich der erste Hype gelegt hat. Ich bin mir sicher, da schlummert noch so einiges auf der Suche nach dem eigenen Stil.