Zwei Mal zwei Tage im Jahr alleine durch den Wald laufen. Für mich ist das zirka genauso erholsam, wie eine Woche Urlaub. In diesem Jahr sollte es der 6-Kuppen-Steig in Thüringen sein, auf dem ich wanderte. Wandern heißt aber auch, Frau und Töchter allein zu Hause zu lassen, was einen immer auch mit etwas schlechtem Gewissen gehen lässt. In diesem Jahr reiste ich am späten Freitagnachmittag nach Christi Himmelfahrt an, parkte in Neuhaus am Rennweg auf so einem großen Waldparkplatz und erreichte nach ungefähr drei Kilometern die Schutzhütte „Weidmannsheil“ mit Blick auf den Schwarza-Stausee. Kein schlechter Anfang, weswegen ich auch beschloss, hier die Nacht zu verbringen, um am nächsten Tag schön früh starten zu können. Bei einem kleinen Feuer wurde es dunkel.

Durch die Kinder bin ich konditioniert, sehr zeitig aufzustehen. Im Wald übernehmen diese Aufgabe die Vögel und die zeitig hinter nicht vorhandenen Jalousien aufgehende Sonne. So geht es dann schon morgens um acht auf den Weg gegen den Uhrzeigersinn Richtung Steinheid und dann weiter nach Steinach, wo ich bis zu diesem Zeitpunkt noch irgendwo das heutige Etappenziel vermutete.
Es geht recht abwechslungsreich zu und mal durch frisch beschotterte Waldwege, mal übers Feld an Ortschaft vorbei. Irgendwann gegen 10:00 Uhr passierte ich die Skiarena Silbersattel mit Skilift, wo sich um diese Jahreszeit Todesmutige mit ihren Full-Suspension-Bikes den Hang hinabstürzen.

In der „Fellbergbaude“ macht mir wenig später eine rumänisch(?) anmutende Bedienung klar, dass ich jetzt nur eine Soljanka haben könnte, aber vielleicht, wenn ich Glück habe auch ab um 12:00 Uhr ein paar Klöße. Während sie mir das erzählt, haut sie mir ständig kumpelhaft obgleich nicht unfreundlich auf die Hand. Trotzdem hatte ich da irgendwie ein ganz mieses Gefühl und auch nicht die Zeit, hier so lange zu warten.
Dann beginnt der anspruchsvollste Teil des ganzen Weges.
Der Abstieg über 300 Höhenmeter nach Steinach, dort die erfolglose Suche nach einer offenen Gaststätte (Öffnungszeiten von 17:00 bis 21:00 Uhr sind hier anscheinend auch am Wochenende die Regel), ein Imbiss und Getränkebevorratung im REWE und dann der Aufstieg über 350 Höhenmeter. Auf halber Strecke geht es vorbei an der „Bergmannsklause“ ein in einer sehr gepflegten Parkanlage liegendes, sehr gepflegt wirkendes Restaurant. Leider sind dort sämtliche Tische reserviert, da Jugendweihefeiern anstehen, andererseits habe ich auch noch keinen Hunger, obwohl sich die Karte sehr wohlklingend liest. Also bleibt es bei einem schnellen Bier. Die Gastroversorgung ist in dieser Ecke Thüringens und an diesem Tag insgesamt eher unglücklich für mich gelaufen. Vorbei an einem schönen Aussichtspavillon komme ich am späten Nachmittag auf dem Tierberg an.
Nach dem Aufstieg ist mir auch klar, warum der 6-Kuppen-Steig zumeist in der Kategorie „schwer“ geführt wird, zumal, wenn man noch einen 15-Kilo-Rucksack mit sich trägt. In einer Schutzhütte oberhalb Lauschas will ich den Tag dann ruhig ausklingen lassen, um am nächsten Tag den letzten Rest gemütlich zu Ende zu laufen und nicht zu spät wieder gen Heimat aufzubrechen.

Dort verwickelt mich dann aber jemand, der aussieht wie ein Indianer und mit dem Fahrrad vorbei kommt, in ein Gespräch über sein Aussteigerleben im Wald mit selbst angebautem Gemüse , aber ohne Fleisch und lästige gesellschaftliche Verpflichtungen. Er hätte mich an seiner Hütte vorbeigehen sehen und hat sowieso selten Gelegenheit, mit Fremden zu sprechen. Da sei er einfach mal hinterher gefahren. Wenig später fängt im Tal eine Band an, einen Sound-Check für das anstehende Schützenfest zu machen. Alles in allem überlege ich mir dann, doch nochmal von diesem ungemütlichen Ort aufzubrechen, um eventuell eine bessere Stelle zu finden.
Die erfolglose Suche (ich laufe praktisch einen ausgedehnten Halbkreis um den Lauschaer Lärm) und die längere Erholungspause zuvor, aktivieren an diesem Tag nicht mehr für möglich gehaltene Kräfte in mir, was mich zu einem abschließenden Gewaltmarsch animiert, der mich die letzten ca. 8 km bis zum Startpunkt des heutigen Morgens führt… die Schutzhütte Weidmannsheil in Neuhaus. Hätte ich das am Morgen schon gewusst, hätte ich natürlich nur eine Wasserflasche mitgenommen und nicht die komplette Wanderausrüstung nebst Zelt und Wechselsachen. Aber nun war ich einmal hier und die Schutzhütte war (natürlich) abends 21:30 Uhr schon belegt. Dankenswerterweise bekam ich von der dort wohnenden Frau noch einen guten Tipp auf eine Ausweichhütte ca. 1 km taleinwärts, die genau an der Quelle der Schwarza lag. Ein sehr uriges Stück Wald zum Schlafen war das. Aus der Wand kam 6 Grad kaltes Wasser, welches meine Getränke sehr gut und schnell kühlte. Danke für den Tipp!!


Am Sonntagmorgen musste ich dann nur noch die 4 Kilometer zum Auto zurück, was in der brütenden Sonne auf mich wartete. Wald, es war wieder einmal sehr schön mit dir.
Weiterführender Link mit Infos zum Weg:
https://www.thueringer-wald.com/urlaub-wandern-winter/6-kuppen-steig-128510.html
P.S. Es waren, selbst auf dem Rennsteigstück, erstaunlich wenig Leute wandern an diesem Samstag eines langen Wochenendes.
P.P.S. Zum Glück kann man dort in die Gegend hinfahren und muss nicht immer dort wohnen.
P.P.P.S. Das beste Touristengebiet taugt nichts, wenn man mittags dort nichts Vernünftiges zu essen bekommt.