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Numb Numbers

Die ideale Anzahl von Sinnesreizen findet der Mensch nur im Wald. Nicht zu viele, nicht zu wenige. Die ideale Anzahl von pflegbaren Sozialkontakten liegt zwischen 2 und 150, der Durchschnitt liegt um 100. Es braucht ein kleines Dorf im Wald, um ein Kind zu erziehen.

Nun waren wir aber im Herbsturlaub in Hamburg gelandet und wie man ziemlich schnell feststellen wird, ist das kein kleines Dorf im Wald. Dann läuft man dort so rum, mit seinen Kindern, die noch nie in so einer großen Stadt waren und muss ihnen erklären, was ein Obdachloser ist, oder warum der betrunkene Mann in der U-Bahn so laut nach Geld gefragt hat und warum wir nicht einfach jedem der Bettler, den wir fortan treffen, welches geben. Dann steht man, auf seine konsumierende Familie wartend, vor der Filiale einer Fast-Fashion-Modekette unweit der Innenalster und in diesen zehn Minuten läuft ein kompletter gesellschaftlicher Abriss vorbei.

Ich stehe keine 10 Meter von einem entfernt, der auf eine kleine Pappkiste mit Einwurfschlitz geschrieben hat „1 kleine gute Tat – 1€ / 1 große gute Tat – 10€“. Alle gehen vorbei. Die japanischen Touristen, die mit ihren Fotoapparaten gerade einen Stop-Motion-Film von Hamburg drehen, die 3er-Gruppe Geschäftsmänner mit den kunstvoll geflochtenen Markenschals, die sich allen Ernstes auf Englisch Business-Buzzword-Sätze um die Ohren hauen, die ältere hanseatische Geschäftsfrau (viel Goldschmuck, feiner Mantel, Chanel-Handtasche) mit einem Flyer der aktuellen Banksy-Ausstellung in der Hand, die deutsche Durchschnittsfamilie (Mutter, Vater, Junge, Mädchen), die sich streitet, wie dieser Tag weitergehen soll. Alle, die hier vorbeigehen, machen gerade irgendwas und halten es, jetzt im Augenblick, für das, was zu tun ist. Wo ist da der Sinn, fragt man sich und was geht in denen so vor?

Ralph Caspers hat in einem Vortrag auf der diesjährigen Re:Publica sinngemäß gesagt: »Das eigene Leben ist sinnlos, bis man ihm selbst einen Sinn gibt.«. Fand ich gut, aber trotzdem.
Hamburg hat in etwa 1,9 Millionen Bewohner, das sind fast so viele, wie ganz Thüringen. In Berlin leben weit mehr Menschen, als in meinem Bundesland Sachsen-Anhalt, selbst dann, wenn es Halle und Magdeburg doppelt gäbe. Nordrhein-Westfalen hat mehr Einwohner, als ganz Ostdeutschland, selbst wenn man da Berlin insgesamt mit reinrechnet und das alles zusammen ergibt noch nicht mal ansatzweise die Hälfte der Einwohnerzahl Deutschlands. Deutschland insgesamt wiederum, stellt aktuell gerade mal ein knappes Prozent der Weltbevölkerung.

Ferdinand von Schirach schrieb in seiner Kurzgeschichtensammlung „Nachmittage“, dass Goethe einst schrieb: »Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen … sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er soll.«
Wenn das stimmt (und es klingt ja schon nachvollziehbar), hat man diesen Konflikt als Hamburger doch ständig um sich, denke ich mir, während ich hier warte.
Was man braucht, worüber man sich freuen kann, was man im Auge haben kann sind: die eigene Familie, ein oder wenn man Glück hat auch zwei handvoll Freunde, denen nicht komplett egal ist, wie es dir gerade geht, danach wird es schon dünn und neblig und trotzdem weiß man irgendwie, dass man immer auch Teil von etwas Größerem ist. Ob das der Typ genauso sieht, der vorhin bei laufendem Motor seines Maseratis im Halteverbot darauf wartete, dass seine Freundin diesen obszön großen Apple-Store wieder verlässt, weiß ich allerdings nicht.
Später in dieser Woche stehen wir auf der Aussichtsplattform der Elbphilharmonie und beobachten gegenüber in der Speicherstadt einen Geschäftsführer(?), der in der obersten Etage des Gebäudes ein riesiges Eckbüro mit riesigem Eckbalkon hat. Er telefoniert gestenreich und geht immer wieder raus auf seinen Balkon und rein in sein Büro. Man könnte meinen, er tut es, um sich und seinen Beobachtern zu beweisen, wie weit er es gebracht hat. Ich würde ihm gerne Kekse zuwerfen, so sehr erinnert das an einen Hamster im Käfig. Es ist kurz nach 17:30 Uhr und in jedem der Büros, in die man blicken kann, ist es geschäftig.
In keinem davon sieht es so aus, als wäre hier bald Feierabend.


Tropennächte

Ich schaue auf den Kalender, es ist Ende Oktober. Dann schaue ich mich an. Jeans, dünner schwarzer Wollpullover. Schuhe, Jacke, Schildmütze. Sollte passen. Ich gehe vor die Tür und weiß nicht, ob ich gerade von Außen nach Innen oder von Innen nach Außen gegangen bin. Dort, wo ich jetzt bin, ist es jedenfalls wärmer, als dort wo ich herkomme.
Dann fällt es mir wieder ein. Die Gaspreise sind gestiegen, Putin, der Krieg, die Heizung, die immer noch konsequent aus bleibt, weil sie es kann. Auch in unserem gut gedämmten Lehmhaus aus dem 19. Jahrhundert.
Dann fällt mir wieder ein, dass ich erst heute Morgen gelesen habe, dass es in Deutschland zum ersten Mal, seit man Temperaturen misst, so spät im Oktober Tropennächte(!) gegeben hat. In Aachen und anderen Städten war es gestern Nacht wärmer als 20° Celsius. Hätten wir die Gründe für die kühle Wohnung und die warme Außentemperatur geklärt. Ich bin draußen und für die Klimakatastrophe höchst unangemessen gekleidet. Ich bringe die Jacke wieder zurück und springe in meinen Lieblingslendenschurz. 

Dummerweise habe ich vor geraumer Zeit den Fehler gemacht, mich so ideologiefrei wie möglich mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Frei von Meinungen und Ansichten, also rein auf der wissenschaftlichen Ebene, noch genauer: dem weltweiten wissenschaftlichen Konsens. Alles in allem komme ich daher zu folgendem Schluss, wie unsere Zukunft aussehen wird:

  • zuerst kollabiert unser Wirtschaftssystem (12-15 Jahre!?)
  • dieser Umstand reißt dann den dünnen Firniss der Zivilisation entzwei
  • danach und/oder währenddessen gibt uns Menschen die Klimakatastrophe in einer unwirtlichen Welt erst so richtig den Rest. Die paar, die das alles überleben, müssen da dann ungefähr 1.000 Jahre lang durch, bis es langsam wieder besser wird.

… und das ist (glaube ich) schon mit die optimistischste Variante, die Daten zu verstehen. 

Konkret kann ich also den Zeitpunkt der Apokalypse für mich selbst auf folgenden Termin datieren:
Ein Reichsbürger in Tarnfleck-Anzug erschießt mich ein paar Jahre vor der Rente, weil ich etwas zu lange verduzt auf die 5-Liter-Ravioli-Dose schaue, die aus seinem Armeerucksack lugt. 
Andererseits bekomme ich immer noch Altersvorsorgetipps meiner Sparkasse zugeschickt. Hmm..

Nichts bringt so viel Gewalt hervor, wie der Mangel.

Matrix Resurrections

Intelligenz war in der Evolution noch nie eine gültige Währung, das bestätigten mir neulich erst ein Quastenflosser und ein Leistenkrokodil mit heftigem Kopfnicken, als sie gerade im Schatten eines Gingko-Baumes saßen.
Der Mensch hat sein Handeln noch nie so ganz und rein auf der Basis von Vernunft gedeihen lassen, wenn es eine bessere Geschichte gab, auf die man sich einigen konnte. Sonst würde (nur so zum Beispiel) auch niemand sein Denken und Handeln an einer Geschichte ausrichten, die Jahrhunderte nach den vermeintlichen Ereignissen erstmals auf hebräisch und aramäisch aufgeschrieben wurde, dann, damit es auch nicht gleich jeder selbst lesen kann, eine lateinische Übersetzung bekamen und schließlich, erst ziemlich spät, auf deutsch verfügbar waren.
Und alleine schon die letztgenannte Sprache ist immerhin eine, in der ein Satz wie: „Du sollst diese Touristengruppe umfahren!“ völlig gegensätzliche Bedeutungen haben kann. 

Anderes Beispiel: Deutschland gibt es als Nation erst seit 1871. In der kurzen Zeit bis jetzt hat man sich schon auf höchst unterschiedliche Gesellschafts- und Herrschaftsformen geeinigt (ich komme auf fünf), ohne das sich jemand wundert (von den Grenzverläufen ganz zu schweigen). Trotzdem scheint noch eine weitere, zeitgemäßere Idee aktuell keine guten Chancen zu haben.

Zurück zum Anfang. Was kann man da nun machen, drängt sich die Frage auf? Meine stark vereinfachte Milchmädchenrechnung geht so: Wir müssen sofort alle auf zwei Drittel unseres Wohlstands verzichten und können uns den Rest dann vielleicht klimaneutral wiederholen.
Wird aber nicht passieren. Wer soll es den Leuten sagen? Die Politik schon mal nicht, sonst würde sie nicht weiterhin das 1,5°-Ziel verfolgen, wo dieses doch von der Wissenschaft schon lange beerdigt wurde. Ohne Verzicht geht es nicht. Der Kapitalismus muss sterben. Ein Ding der Unmöglichkeit, bis es eh nicht mehr anders geht. Es fehlt aber auch am bislang unveröffentlichten Plan in dem steht, was jeder Einzelne zu tun hat, damit es doch noch irgendwie klappt, gerade so durch die Kurve zu kommen. Mit einer konkreten Bedienungsanleitung geht vieles besser.
Weltrettung wäre doch eine schöne Geschichte, die man sich erzählen kann. Wäre ich gerne dabei nach all den Jahrzehnten der Völlerei. Kann ich meinen Enkeln im Schatten eines Gingkos sagen: »Kinder, ich war dabei, als damals die Welt für euch gerettet wurde… und nun lasst euch eure Käfer schmecken.«

Der dicke Robert


Bucketlist:

  • Laufen lernen ☑️
    .
    .
    .
  • Weiterlaufen ☑️
    .
    .
  • den dicken Robert singen sehen ☑️
    .
    .
  • die Klimakatastrophe im Alleingang stoppen
  • Weltfrieden

Montag konnte ich einen weiteren Punkt auf meiner Bucketlist abhaken. Muss man tun, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. Nun war das mit den Gelegenheiten zuletzt etwas schwierig, und auch jetzt ging es nicht ohne Kompromisse. „The Cure“ stehen schon seit immer auf meiner „Will ich mal live sehen“-Liste und nun suchten sie sich ausgerechnet den Oktober 2022 für ein Konzert in Leipzig aus.
Ich musste also rechnen:
Sehr großer Wunsch, die Band mal live zu sehen plus Ungewissheit, ob und wann sie das nächste Mal auf Tour gehen minus steigende Coronafallzahlen minus Bereitschaft des durchschnittlichen sächsischen Konzertbesuchers, eine Maske zu tragen ergibt … keine Ahnung, auf jeden Fall ein unklares Ergebnis. Ich hatte wirklich keine Lust, nochmal (so) Corona zu bekommen, andererseits ist das aktuelle Omikron nicht Delta und keiner weiß mehr, wo das evidenzbasierte Handeln überhaupt abgeblieben ist. Also lautete mein schwammiges Ergebnis: Kauf dir einen Sitzplatz in der obersten Reihe und trag die ganze Zeit Maske.
Und das war der Prolog, wie ich zu meinem ersten „The Cure“-Konzert kam, gleichzeitig dem ersten Konzert in geschlossenen Räumen seit 2019.

Entsprechend einem weiteren Punkt auf meiner Bucketlist, der grob „gib dir Mühe in dieser Klimaangelegenheit, bis der Masterplan für alle da ist“ heißt, fuhr ich mit dem Zug zum Konzert. Ich fand das sogar recht erschwinglich. Einzelstrecke Abelio 8,60€ von Weißenfels nach Leipzig-Leutzsch, dann mit der Straßenbahn zum Sportforum. Dank MDV-Verkehrsverbund „All Inclusive“ und in knapp 50 Minuten gemacht. So weit, so schön. Auf dem Weißenfelser Bahnhof erwartete mich aber erstmal ein mit Menschentrauben gepflasterten Bahnsteig. Es stapelten sich Schüler, Berufspendler, Punker, Fahrradtouristen und andere Gestrandete aufgrund von zwischenzeitlich drei ausgefallenen Zügen, wie ich in der Folgezeit durch die Lautsprecherdurchsagen erfuhr. Polizeieinsatz wegen Schaden im Gleisbett. Interessant.
Allerdings stand auch ein Zug im Gleis, schon mehr als eine halbe Stunde vor Fahrtantritt und zufällig meiner, was ich aber erstmal nicht verstand. Blieb trotzdem die bange Frage, ob ich denn in der Nacht wieder zurückkommen würde, schließlich war ich sehr wahrscheinlich gezwungen, den letztmöglichen Zug zu nehmen, bevor im ÖPNV die Nacht hereinbrach. Ist das alles aufregend..

Dann war ich im Zug. Ansich eine schöne Art zu reisen. Lustig auch, was der Blick aus dem Fenster mit einem macht, wenn man gleichzeitig elektronisch unterstützten Pagan-Folk von „Valravn“ auf den Ohren hat. So ging die Fahrt dahin. Leipzig-Leutzsch unterscheidet sich architektonisch nicht groß von Weißenfels und die Straßenbahnstation war leicht zu finden. Die fuhr dann immer weiter in die Stadt, vorbei an der bunten Großstadtmischung von halbseiden beleuchteten Imbissen, ambitioniert-nachhaltigem Fachhandel, Handyläden und Läden, bei denen es kaum möglich ist, dass sie jemand nutzt. Ankunft am Sportforum. Hier kannte ich mich wieder aus.

Vor Ort holte ich mir noch schnell Geld, um mir eine Cola und irgendwas zu Essen zu holen. Wurde langsam knapp bis 19:30 Uhr. Nun mit Geld ausgestattet, traf ich auf eine echt saure Bretterbudenimbisscrew. Man war dort schlecht gelaunt wegen der vielen Kundschaft und der zur Neige gehenden Ware und je mehr ich wartete, umso mehr wünschte ich mir, ich hätte in dem schicken vegetarisch-asiatischen Imbiss einkehren können, an dem ich gerade vorbeigelaufen war. Kaufte dann aber doch vor Ort eine Portion Süßkartoffelpommes und eine Cola. Die Zeit ran…und letztlich hatte das Personal ja auch nur das von mir so geschätzte Leipzigflair. Immer herzlich, direkt und raus mit den Gefühlen.

Sofort hinter dem Einlass bekam ich in der Quarterback-Arena zu Leipzig davon gleich noch eine Ladung.
»Nur jut, dass du ne Maske offhast, meinor!«, gefolgt von einem Schlag auf die Schulter. War tatsächlich (und wie erwartet) mit circa zwei Dutzend anderen im Saal der einzige mit. Egal. »Droff jeschissn«, wie der Sachse sagt. Kulturelle Unterschiede und unterschiedlicher Informationsstand sind normal. Man hat nur auf sein eigenes Handeln wirklich Einfluss. Menschen denken, was sie glauben. Das ist nicht unbedingt vernünftig.

Vernünftig war es auch nicht, sich einfach auf einen schöneren Platz zu setzen, als den eigenen, in der Hoffnung, das den schon keiner brauchen wird. Brachte mich nämlich in eine Diskussion mit einem akuraten Herren, die tatsächlich mit den Worten »He, das ist aber mein Platz!« begann und mit den Worten »Ich möchte, dass sie sofort aufstehen!« endete.

Nun denn. Zum Konzert. Während all dies geschah spielte die Vorband „The Twilight Sad“ aus Glasgow, was man in die Schubladen „Shoegaze“ und „Post-Rock“ sortiert hat und auch stark nach den düsteren 80ern klang. Sehr ambitioniert im Auftreten, musikalisch fehlte mir was, das im Gedächtnis blieb, aber für den Einstieg nicht übel. Vorband sein ist sowieso nicht leicht, andererseits habe ich schon so manche Vorband gesehen, die mir besser gefiel, als der Hauptakt. Das war heute nicht der Fall.

Viel zu gut waren Robert Smith und seine Band „The Cure“ an diesem Abend spielerisch drauf, viel zu schön war der Ton in dieser Halle abgemischt, viel zu großartig die Tatsache, dass im Hauptset weitgehend auf die Charthits verzichtet wurde, viel zu angenehm der Fakt, drei Zugaben zu bekommen und mit der dritten Zugabe all diejenigen versöhnt zu wissen, die wegen „Friday I’m in love“ und Co. gekommen waren. Mir bleibt ein echt schöner Abend mit perfekt inszenierten sphärischen Klangteppichen in Erinnerung. Würde ich jederzeit wieder machen. Stand nicht umsonst in meiner Bucketlist. Definitiv keine Band, die mit Leistung geizt und live eine, die fast wie vom Band klingt. (Wann kommt eigentlich endlich das neue Album?) Ich finde es auch immer gut, wenn Musiker wegen der Musik auf der Bühne stehen und die Frontmänner und -frauen sich lange Erzählungen zwischen den Liedern sparen. Die wenigen Sachen, die Mr. Smith auf der Bühne sagte, habe ich nicht verstanden, weil sie in der ihm eigenen Art fahrig hingenudelt wurden (… und mein Englisch vermutlich zu schlecht ist für Muttersprachler mit Dialekt).
So weit, so schön.

Als die besagte dritte Zugabe lief, hatte ich mich schon auf die Treppe am Ausgang des Ranges gesetzt, weil ich mir langsam Sorgen um die nun folgende Straßenbahn/Zugverbindungssituation machte. Dort durfte ich aber nicht sitzen, sagte die nette Ordnungsfrau mit ihrem russischen Akzent und so stand ich noch kurz rum und ging, als „Boys don’t Cry“ (glaube ich) anhub.

Ich hatte das Ziel, eine Straßenbahn früher zu bekommen, als alle anderen und dann halt in Leipzig-Leutzsch auf den Zug zu warten. Die 6 Minuten Umstiegzeit, die mir die DB-App für die planmäßige Verbindung ausspuckte, waren mir eindeutig zu knapp und unsicher. Das Problem an der Sache erkannte ich jedoch erst, als ich an der Straßenbahnhaltestelle eintraf. Die einzige Straßenbahn zum Bahnhof Leutzsch fuhr tatsächlich erst 0:09 Uhr .. vorher gab es keine.
Das führte nun dazu, dass ich in der Haltestelle warten musste. Und das führte dazu, dass ein sehr redebedürftiger, irgendwie nicht unssympathischer aber zugleich zugedröhnter Mitzwanziger ständig mit mir das Gespräch suchte. Warum immer ich, wenn auch noch 8 andere Leute an der Haltestelle stehen, denkt man sich da. In der Folgezeit klärten wir unter anderem, dass ich eine E-Zigarette rauchte und keine Shisha, wir beide auf alles verzichten könnten, nur nicht auf Nikotin, er gratulierte mir, dass ich erfolgreich von der Zigarette weg bin und den Rest sicher auch noch schaffe, bevor es zu folgendem schönen Wortwechsel kam:
Er: »Was hast du eigentlich hier gemacht?«
Ich: »Ich war in der Arena bei „The Cure“«
Er: »Was ist das, „The Cure“?«
Ich: »Das ist so eine Band aus den 80ern. Die machen eher so düstere Wave- und Rockmusik.«
Er: »Kenne ich nicht.«
Ich: »Du kennst nicht „The Cure“?«
Er: »Ich bin eigentlich nicht von hier. Ich komme aus Hamburg.«
Er reicht mir sein Handy: »Kannst du mal anmachen, dass ich das checke«
Ich versuche sein Handy in Gang zu kriegen, während er spontan eine ausladende Runde über die Haltestelle dreht, aber das geht nicht. Der Bildschirm ist eingefroren und rührt sich nicht. Mein Handy will ich nicht rausholen, da ist der Fahrschein drin und der Akku fast leer: »Dein Handy geht nich. Musst du mal morgen in Ruhe gucken«
Er: »Ja okay, mache ich. Das nächste Mal musst du einfach sagen, dass ich mein Maul halten soll. Ich labere immer zu viel.«
[Die Bahn fährt ein.]
Er: »Dir noch einen schönen Abend.« (steigt in seine Bahn).
Ich: »Bis zum nächsten Mal..«

Ich nehm dann doch eine Straßenbahn früher, weil auf der irgendetwas von „Leutzsch“ steht und ich mir denke „Kann nicht so falsch sein“. Die bringt mich dann an den Straßenbahnhof Leutzsch, der allerdings über einen Kilometer vom Bahnhof entfernt liegt. Egal, beim Laufen vergeht Zeit. Ich war in der Straßenbahn der Letzte, ich bin auf dem Bahnsteig der letzte. Selbst als meine eigentliche Straßenbahn durch ist, bleibe ich der Letzte auf dem Bahnsteig. Man macht sich immer zu viele Gedanken.

I’m running towards nothing
Again and again and again and again…

Robert Smith

Ich setze die Maske auf, der Vorschrift wegen und steige in den leeren Wagon. Der Zug fährt los, ich komme pünktlich in Weißenfels an.
Livekonzerte. Muss man sich auch erstmal wieder dran gewöhnen.

P.S. Ein Mitbringsel:
P.P.S. Auf dem Rang sitzen ist öde … und zu weit weg.
P.P.P.S. Der Ton kommt aber gut rüber, finde ich.

Im Testzelt

Am 19.November 2021 erhielt ich meine Boosterimpfung. Am 1.Februar 2022 ging ich mit meiner Tochter in Quarantäne, nachdem die Schulen und KITAs der Politik schon ein paar Wochen lang egal geworden waren und sie folgerichtig einen positiven PCR-Test gewonnen hatte.
Unsere Erstklässlerin brauchte in dieser fiebrigen Woche viel Nähe und was wäre ich für ein Vater, würde ich ihr die aus Vernunftgründen verwehren. Ich verbachte folglich viel Zeit neben unserem kleinen Virenbrutkasten, dem es recht schnell besser ging und vertraute auf meinen Impfschutz. Sterben werde ich schon nicht …

Am 4.Februar 2022 bekam ich am Abend ein leichtes Kratzen im Hals. Ich machte einen Schnelltest. Negativ, wie die vielen Dutzend anderen Male in den vergangenen zwei Jahren, in denen meine Familie und ich in allen Belangen ihr Bestes gegeben hatten. Am Samstag wachte ich mit einem grippalen Infekt der oberen Atemwege auf, machte aber nicht noch einen Schnelltest, weil, ach wer weiß, geht schon wieder weg. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag hatte ich eine sehr schweißlastige, unruhige Nacht. Vemutlich Fieber, gemessen habe ich nicht. Zu wirr. Ich schleppe mich zum Frühstück, gehe danach direkt wieder ins Bett und schlafe in den späten Nachmittag rein wie so ein Bärtierchen. Danach mache ich doch noch einen Schnelltest, obwohl mir das Ergebnis eigentlich schon vorher klar ist. Der rote Strich im Testfeld ist dicker, als der im Kontrollfeld. Positiv, schöne Scheiße. Bis zu diesem Punkt hatte sich das angefühlt wie eine fette Grippe auf Speed. Fast Forward.

Am heutigen Montag stehe ich Punkt 8:00 Uhr vor dem Testzelt des Gesundheitsamtes im EKZ „Schön konsumieren!“ (Name geändert). Vor Ort fallen mir sofort zwei Dinge auf. Das Test(fest)zelt wird von „Getränke-Stoffler“, dem Haus- und Hoflieferanten meines Vereins gestellt. Ich muss grinsen unter meiner schwarzen FFP2-Maske. Klar, dass ausgerechnet der alte Gauner sich diese lukrative Einnahmequelle unter den Nagel gerissen hat und nicht irgendjemand anderes. Das zweite, was mir ins Auge fällt, ist ein schönmädchenschriftliches Schild, Größe DIN A4, Buntstift, 3farbig in Augenhöhe in einer Scheibe des Baucontainers, der Schaltzentrale dieses Testzeltes:

„Respekt setzt ein gewisses Maß an Intelligenz voraus. Und da fängt das Problem bei einigen ja schon an.“

Offensichtlich hat sich ein solches Schild in den vergangenen Wochen irgendwann als dauerhaft notwendig erwiesen. Ich erhalte das Klemmbrett mit der Nummer 15 von einer Gesundheitsfachkraft, die ihr eigenes Schild offenkundig nicht gelesen hat. Während ich meine persönlichen Daten zur Vorbereitung des amtlichen Schnelltests zu Protokoll bringe, beobachte ich den Rest vom Kundenkreis. Alles Leute, die die Schnelltests offenbar jeden Tag machen. Man kennt sich. Ist eine eingeschworene Gemeinschaft…

»Na und, Renate? Darfste heute auf Arbeit gehn?«
»Dort könnte ich schon lange sein, wenn der ganze Quatsch hier nicht wäre.« (Abwinkgesten)

Ich bin dran, Schnelltest wird gemacht (Nase, ich bin ein paar Mal kurz vorm Niesen), in 15 Minuten soll ich wieder da sein. Ich setze mich so lange ins Auto und höre weiter »Mars Volta«. Als ich wieder aus dem Auto steige, wartet nun schon eine Traube von 20-25 Leuten vor dem Zelt auf ihre temporäre Arbeitserlaubnis. Ich überlege, ob ich da jetzt einfach so durchgehen kann, in meinem Zustand und mache es dann einfach. Habe ja eine FFP2-Maske regelkonform auf der Nase. Kann ja nichts dafür, dass der überwiegende Rest seine Papiermasken mehr oder weniger deutlich unterhalb der Nase trägt.

Als mich die Gesundheitsfachkraft sieht, sagt sie: 
»Ich mache gleich ihre Unterlagen fertig.«, so als würde mir das irgendwas erklären. Meine Nachfrage: »Soll ich da jetzt noch was machen?« kontert sie mit: »Ich habe doch gerade gesagt, dass ich die Unterlagen noch fertigmachen muss!«.

Ich beschließe, etwas abseits zu warten, aber so, dass ich noch gesehen werde. Kurze Zeit später werde ich wieder an die Fensterscheibe zitiert. »Hier, sehen sie. Ihr positiver Schnelltest, aber ich brauche noch ihren Ausweis, ich kann ihre Schrift absolut nicht lesen.« Die umliegenden Personen sehen mich nun die restliche Zeit der Veranstaltung an, wie einen Yeti, mit der Frage im Gesicht: »Wie, die gibt es also wirklich!?«, jedoch verstohlen, so, dass es erst recht auffällt. Aus meinem maximalen Mindestabstand heraus warte ich wieder ab, wie es nun weitergeht und komme mir dabei vor, wie jemand von öffentlichem Interesse… in diesem Mikrokosmos hier.

Die Traube lichtet sich, irgendwann sind scheinbar auch meine Unterlagen fertig. Ich darf ein letztes Mal ans Fenster. Dieses Mal PCR-Test. Dieses Mal Rachen. Dieses Mal muss ich fast brechen, so tief geht es rein mit dem Tupfer. Mit den Worten: 
»Das hier ist ein QR-Code, den scannen sie übermorgen mit der Corona-Warn-App, dann kriegen sie ihr Ergebnis. Nicht heute! Nicht morgen! Übermorgen!«, werde ich zurück in die Quarantäne entlassen… ich bedanke mich.
Keine 14 Tage später bin ich wieder negativ, aber immer noch krank.