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Im Testzelt

Am 19.November 2021 erhielt ich meine Boosterimpfung. Am 1.Februar 2022 ging ich mit meiner Tochter in Quarantäne, nachdem die Schulen und KITAs der Politik schon ein paar Wochen lang egal geworden waren und sie folgerichtig einen positiven PCR-Test gewonnen hatte.
Unsere Erstklässlerin brauchte in dieser fiebrigen Woche viel Nähe und was wäre ich für ein Vater, würde ich ihr die aus Vernunftgründen verwehren. Ich verbachte folglich viel Zeit neben unserem kleinen Virenbrutkasten, dem es auch schnell besser ging und vertraute auf meinen Impfschutz. Doch vor Gott und dem Impfschutz sind wir alle gleich.

Am 4.Februar 2022 bekam ich am Abend ein leichtes Kratzen im Hals. Ich machte einen Schnelltest. Negativ, wie die vielen Dutzend anderen Male in den vergangenen zwei Jahren, in denen meine Familie und ich in allen Belangen ihr Bestes gegeben hatten. Am Samstag wachte ich mit einem grippalen Infekt der oberen Atemwege auf, machte aber nicht noch einen Schnelltest, weil, ach wer weiß, geht schon wieder weg. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag hatte ich eine sehr schweißlastige, unruhige Nacht. Vemutlich Fieber, gemessen habe ich nicht. Ich schleppe mich zum Frühstück, gehe danach direkt wieder ins Bett und schlafe in den Nachmittag rein wie so ein Bärtierchen. Danach mache ich doch noch einen Schnelltest, obwohl mir das Ergebnis eigentlich schon vorher klar ist. Der rote Strich im Testfeld ist dicker, als der im Kontrollfeld. Positiv, schöne Scheiße. Bis zu diesem Punkt hatte sich das noch dazu angefühlt wie eine Grippe auf Speed. Fast Forward.

Am heutigen Montag stehe ich Punkt 8:00 Uhr vor dem Testzelt des Gesundheitsamtes im EKZ „Schön konsumieren!“ (Name geändert). Vor Ort fallen mir sofort zwei Dinge auf. Das Test(fest)zelt wird von „Getränke-Stoffler“, dem Haus- und Hoflieferanten meines Vereins gestellt. Ich muss grinsen unter meiner schwarzen FFP2-Maske. Klar, dass ausgerechnet der alte Gauner sich diese lukrative Einnahmequelle unter den Nagel gerissen hat und nicht irgendjemand anderes. Das zweite, was mir ins Auge fällt, ist ein schönmädchenschriftliches Schild, Größe DIN A4, Buntstift, 3farbig in Augenhöhe in einer Scheibe des Baucontainers, der Schaltzentrale dieses Testzeltes:

„Respekt setzt ein gewisses Maß an Intelligenz voraus. Und da fängt das Problem bei einigen ja schon an.“

Offensichtlich hat sich ein solches Schild in den vergangenen Wochen irgendwann als dauerhaft notwendig erwiesen. Ich erhalte das Klemmbrett mit der Nummer 15 von einer Gesundheitsfachkraft, die ihr eigenes Schild offenkundig nicht gelesen hat. Während ich meine persönlichen Daten zur Vorbereitung des amtlichen Schnelltests zu Protokoll bringe, beobachte ich den Rest vom Kundenkreis. Alles Leute, die die Schnelltests offenbar jeden Tag machen. Man kennt sich. Ist eine eingeschworene Gemeinschaft…

»Na und, Renate? Darfste heute auf Arbeit gehn?«
»Dort könnte ich schon lange sein, wenn der ganze Quatsch hier nicht wäre.« (Abwinkgesten)

Ich bin dran, Schnelltest wird gemacht (Nase, ich bin ein paar Mal kurz vorm Niesen), in 15 Minuten soll ich wieder da sein. Ich setze mich so lange ins Auto und höre weiter »Mars Volta«. Als ich wieder aus dem Auto steige, wartet nun schon eine Traube von 20-25 Leuten vor dem Zelt auf ihre temporäre Arbeitserlaubnis. Ich überlege, ob ich da jetzt einfach so durchgehen kann, in meinem Zustand und mache es dann einfach. Habe ja eine FFP2-Maske regelkonform auf der Nase. Kann ja nichts dafür, dass der überwiegende Rest seine Papiermasken mehr oder weniger deutlich unterhalb der Nase trägt.

Als mich die Gesundheitsfachkraft sieht, sagt sie: 
»Ich mache gleich ihre Unterlagen fertig.«, so als würde mir das irgendwas erklären. Meine Nachfrage: »Soll ich da jetzt noch was machen?« kontert sie patzig mit: »Ich habe doch gerade gesagt, dass ich die Unterlagen noch fertigmachen muss!«.

Ich beschließe, etwas abseits zu warten, aber so, dass ich noch gesehen werde. Kurze Zeit später werde ich wieder an die Fensterscheibe zitiert. »Hier, sehen sie. Ihr positiver Schnelltest, aber ich brauche noch ihren Ausweis, ich kann ihre Schrift absolut nicht lesen.« Die umliegenden Personen sehen mich nun die restliche Zeit der Veranstaltung an, wie einen Yeti, mit der Frage im Gesicht: »Wie, die gibt es also wirklich!?«, jedoch verstohlen, so, dass es erst recht auffällt. Aus meinem maximalen Mindestabstand heraus warte ich wieder ab, wie es nun weitergeht und komme mir dabei vor, wie jemand von öffentlichem Interesse… in diesem Mikrokosmos hier.

Die Traube lichtet sich, irgendwann sind scheinbar auch meine Unterlagen fertig. Ich darf ein letztes Mal ans Fenster. Dieses Mal PCR-Test. Dieses Mal Rachen. Dieses Mal muss ich fast brechen, so tief geht es rein mit dem Tupfer. Mit den Worten: 
»Das hier ist ein QR-Code, den scannen sie übermorgen mit der Corona-Warn-App, dann kriegen sie ihr Ergebnis. Nicht heute! Nicht morgen! Übermorgen!«, werde ich zurück in die Quarantäne entlassen… ich bedanke mich.

Facebook, WhatsApp und Instagram gelöscht

Boomer-Einleitung: »Ich habe Whatsapp schon genutzt, als es noch nicht zu Facebook gehörte«

… und am 11.Januar habe ich mein Konto dort gelöscht, genau wie die bei Facebook und Instagram auch. Und das kam so:

Whatsapp war am Anfang ein super Messenger, den ziemlich schnell ziemlich viele Leute nutzten. Er ist auch jetzt noch ein super Messenger, weil ihn inzwischen praktisch jeder hat und er die Kommunikation, nach allem, was man weiß, auch sicher verschlüsselt. Er hat nur zwei große Probleme, den Datenhunger und den mangelhaften Datenschutz. Und das ist kein Widerspruch zur vorhandenen Verschlüsselung.

Seit Facebook den Messenger für viel Geld kaufte, führte anschließend jede AGB-Änderung dazu, dass noch mehr Daten abgegeben werden mussten und dann noch mehr und dann noch mehr. Nicht nur, dass man sein komplettes Telefonbuch zur Verfügung stellen muss, sobald man den Messenger installiert, sammelt Whatsapp auch umfangreiche Metadaten wie den Standort und die Uhrzeit, wann man es nutzt, mit wem man sich schreibt und wie oft, zu welchen Zeiten man sich einloggt, wie schnell man auf andere Nachrichten reagiert, in welchen Chats man sich am häufigsten aufhält usw. usf..
Einen Teil dieser Nachrichten sammelt Whatsapp bzw. Facebook auch dann, wenn die App nicht genutzt wird, sondern einfach nur auf dem Smartphone in der Hosentasche installiert ist.

Damit weiß Facebook viele Dinge über uns, auch ohne den Inhalt unserer Nachrichten zu kennen. WhatsApp weiß also jetzt schon, wo wir uns regelmäßig bewegen, welche unserer Kontakte uns besonders Nahe sind und mit welchen Nutzern wir uns oft persönlich treffen, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Das gesamte Ausmaß kennt nur Facebook, was ebenfalls ein großes Problem ist, Stichwort: Transparenz.

Die neuste AGB-Änderung wird nun dazu führen, dass der Facebook-Konzern die WhatsApp-Daten noch besser mit denen seiner anderen Marktführer Facebook und Instagram verknüpfen kann und das auch dann, wenn man Facebook und Instagram selbst garnicht nutzt.

Es geht also schon lange nicht mehr und in Zukunft noch weit weniger darum, ob man die eigenen Daten für schützenswert hält. Klar kann man argumentieren mit: »Ich habe nichts zu verbergen und mein eigenes Leben ist so langweilig, was soll da schon passieren?«, aber wenn man sich nur mit fünf Freunden in einem Raum befindet, die alle WhatsApp nutzen, geht es schon bei weitem nicht mehr nur um die eigenen Daten, sondern um deine, die der fünf Freunde und die von deren Kontakten im Telefon. Dahinter steht ein Profiling-Monster, dessen Ausmaße man sich als Außenstehender wohl nur grob vorstellen kann. Normale Menschen wären diplomatisch gesprochen sehr erschrocken, wenn sie mal auf einen Blick sehen könnten, was Facebook alles über sie weiß und wie übergriffig man beim Datensammeln ist. Leider können sie das nicht, weil der Konzern absolut intransparent ist.

Bereits im Jahr 2018 war ich schon einmal kurz davor, zumindest Facebook und Instagram komplett zu löschen. Grund dafür waren die vielen Datenskandale im damaligen Jahr, unter anderem dem damals aufgedeckten Cambridge-Skandal und andere Datenlecks mit nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf den Ausgang wichtiger weltpolitischer Entscheidungen wie der US-Wahl und den Brexit. Da ich in einigen Social-Media-Teams, unter anderem auch dem meines Arbeitgebers war, konnte ich mich damals aber dann doch noch nicht dazu durchringen. Als Kompromiss entschloss ich mich dazu, meinen Instagram-Account auf „privat“ zu setzen und mit Hilfe eines Tools alle Einträge zu löschen, die ich jemals auf Facebook schrieb. Die Auswirkungen dessen auf das, was mir danach noch in meinen Streams angezeigt wurde, waren immens und sehr erstaunlich. Seitdem gärte der Löschwunsch immer weiter in mir.

Schon jetzt haben die Algorithmen von Facebook und Co. einen unglaublich hohen Einfluss darauf, wie sich Meinungen in der Öffentlichkeit bilden, immerhin werden diese Dienste von mindestens einem Drittel der Weltbevölkerung genutzt. Dieser Einfluss entzieht sich aufgrund seiner Automatisierung jeglicher menschlicher Kontrolle und Einflussnahme. Selbst wenn er Negativphänomene wie Qanon, Flacherdler, Querdenker, aufkeimenden Rassismus und andere Verschwörungstheorien vielleicht nicht selbst hervorbringt, so fördert er doch deren Verbreitung, Potenzierung und Relevanz in der öffentlichen Wahrnehmung in völlig ungesundem Ausmaß. Der Ausgang von Brexitwahl und die Einwirkung auf den Ausgang der US-Wahl 2016 sind da nur zwei von vielen markanten Erscheinungen, die daraus entstehen und die Gesellschaft negativ beeinflussen, ja sogar Menschen in Lebensgefahr bringen oder deren Leben indirekt kosten.
Ob und wie man Facebook, WhatsApp und Co. nutzt, betrifft daher nie nur uns selbst, sondern, ohne Übertreibung, die ganze Gesellschaft und deren Stabilität in zunehmendem Maß.

Dabei muss man unbedingt noch erwähnen, dass es ausgerechnet Mark Zuckerberg ist, der diese Datenmacht in den Händen hält und damit einer der mächtigsten Menschen der Welt ist.
Wenn man sich ein wenig mit der Geschichte von Facebook beschäftigt, dürfte einem klar denkenden Menschen schnell bewusst werden, dass Zuckerberg niemand ist, der viel auf Datensicherheit, Daten als Privatgut und moralisches Verhalten in seinem Handeln gibt. Stattdessen nutzt er schon immer und immer weiter die unregulierte Goldgräberstimmung und seine Marktmacht beim Datensammeln bis zum äußersten Möglichen aus. Nicht umsonst sitzt die EU-Niederlassung von Facebook in Irland, einem Land mit den lockersten Datenschutzregeln und den größten Steuervorteilen und nicht umsonst führt jeder Datensammelvorstoß und jeder aufgedeckte Datenskandal zu dem immergleichen halbherzigen Zurückrudern von Zuckerberg… ohne echte Folgen oder Ergebnisse.

Ich gehe davon aus, dass Snowden mit „Signal“ nicht umsonst seit Jahren den sichersten, datenneutralsten und von einer Stiftung betriebenen (also nicht auf Gewinn ausgerichteten) Messenger empfiehlt und einer der Gründer von WhatsApp ebendiesen Messenger seit seinem Ausstieg bei Facebook mit großen Summen finanziell unterstützt. Selbst wenn sich wider Erwarten irgendwann eine Sicherheitslücke bei „Signal“ finden lässt, so sind die Daten dann zumindest immer noch nicht bei Facebook .. und alleine das ist schon jede Mühe wert.

Am Ende muss sich jeder der 2,7 Milliarden Facebook-Kunden für sich selbst fragen, ob es das ohne Not und mit sehr guten Alternativen alles Wert ist, nur um ein paar Nachrichten hin und her schicken zu können, nervigen Unsinn von Mitmenschen auf Facebook lesen zu können oder das Bild vom letzten Mittagessen mit der Welt teilen zu können. Ich kann die Frage klar mit „Nein“ beantworten und sagen: es geht seit knapp zwei Wochen problemlos ohne diese Dienste und so wird es auch weiterhin sein.

Lediglich für WhatsApp braucht es vermutlich wirklich eine gewisse Exit-Strategie, die bei mir so aussah:

  • ich habe versucht, einige mir wichtige Menschen zur Nutzung des Signal-Messenger zu überreden (mit ganz gutem Erfolg)
  • ich habe zwei Tage lang in meinem WhatsApp-Status angekündigt, dass ich WhatsApp verlassen werde und wo/wie ich zukünftig zu erreichen bin
  • zum Stichtag habe ich mein WhatsApp-Konto dauerhaft gelöscht

Die bisherige Erfahrung damit gibt mir Recht. Viele sind mitgewechselt, selbst wenn sie weiterhin WhatsApp nutzen wollen. Die, die nicht mit gewechselt sind, finden problemlos andere Kanäle zu mir, wenn es um was Wichtiges geht und nicht zuletzt bleibt einem sehr sehr viel Bullshit und Unwichtiges erspart, mit dem man früher seine Zeit vergeudet hat.

Weiterführende Links:
Facebook is a Doomsday-Machine (englisch)
Facebooks Datenskandale 2018
Reasons, not to be used by Facebook (englisch)
What Facebook feed the Baby-Boomers (englisch)

Signal-App (Android) Signal-App (Apple)