Prolog:
Die Gattin hat bei MDR Kultur einen positiven Bericht über ein Theaterstück im Schauspielhaus Leipzig gehört. Sie nahm dies zum Anlass, spontan zwei Karten zu kaufen, um Ihre 76-jährige Großmutter an die ehemalige Wirkungsstätte von deren Vater auszuführen. Diese ließ sich aber trotz erheblicher Versuche nicht zu einem Mitkommen überreden, der Respekt vor der großen Stadt war dann doch ein zu starkes Gegenargument.
So ergab es sich, dass ich spontan einsprang und auch ich hatte einige Berührungsängste mit dem modernen Theater. Wenn ich modernes Theater höre, denke ich sofort an nackt vor schwarzen Hintergründen herumspringende, wirre Monologe führende Menschen. Allerdings tendierte meine praktische Erfahrung mit Theater auch seit Jahren gen Null, wenn man mal ehrlich ist und vom zufälligen Vorbeizappen bei Arte und 3sat absieht.

Das Stück beginnt drei Minuten zu früh. Die Leute sind noch nicht im Saal. Ubus Verhandlung vor dem internationalen Gerichtshof läuft. „Verstehen sie mich, Herr Ubu?“ ist eine häufige Frage. Herr Ubu sitzt nackt in einem halbdurchsichtigen Käfig. Gesicht und feister Körper werden direkt riesengroß auf die Außenwand des Käfigs projiziert. Dann staksen irgendwann die übrigen Schauspieler in unnatürlichen Körperhaltungen und nervig modulierenden Stimmen auf die Bühne. Völlig überinszeniert wirkte das erstmal. Sämtliche Befürchtungen an das moderne Theater in unter 5 Minuten erfüllt, habe ich mir da in dem Moment gedacht und mich kurz ausgeklinkt. „Sind Theaterschauspieler eigentlich glückliche Menschen?“, dachte ich mir da, und: „Was verdient man eigentlich in Leipzig am Theater?“

Für mich wirkte das erstmal wie eine Mischung aus chinesischer Oper und Quatsch. Wie ich inzwischen gelesen habe (ich hatte mich vorher, entgegen meiner sonstigen Art, überhaupt nicht informiert), war der ursprüngliche König Ubu von 1896 ein als Groteske inszeniertes Marionettenstück und ein wichtiger Vorläufer des (Achtung!) modernen Theaters. Das Schauspiel war zumindest in der ersten guten Stunde des Abends dann wohl als eine Hommage hierauf zu verstehen und das wiederum gehörte zum Gesamtkonzept der Inszenierung, wie sich dann ja noch zeigte. Mit diesem Spiel wurde die „feine“ Gesellschaft wunderschön persifliert. Unnatürliche, hölzerne Bewegungen als Ausdruck gekünstelter Oberflächlichkeit, das kranke Bewahren der Maske, das Mitmachen, um Nutznießer des Systems bleiben zu können. Es wurde somit das weitgehend ungesteuerte Ausleben von niederen Instinkten und Trieben gezeigt, wie es nur in einer Gewaltherrschaft gleichzeitig Ausdruck und neuen Nährboden finden kann. Ein sich selbst befruchtendes System aus Mitläuferei und niedersten Rohheiten zum Machterhalt und -ausbau. Das Schauspiel nutzt Elemente wie 50er-Jahre-Optik, Stummfilmeinspieler und historische Punchlines („Ich liebe doch alle Menschen“), um klar zu machen, dass eine zeitliche Verortung des Stücks nicht nötig ist. Bis in die Neuzeit wirken Menschen wie König Ubu in den höchsten Machtetagen. Schön auch, wie sich Ubu in einer Szene genervt darum bemüht, gendermäßig saubere Sprache zu verwenden („Gesetze und Gesetzinnen“), sicher auch, um bewusst zu machen, wie albern solche Nebenschauplätze gegenüber dem Gesamtzustand einer Gesellschaft sein können. Das Schauspiel nimmt sich nie zu ernst, sondern ist immer selbstironisch-grotesk, zum Beispiel, wenn er Gesetze mit der benutzten Klobürste unterzeichnet oder sich die Königin beiläufig Beischlaf bei einem der Getreuen ihres Gatten holt. Am Ende kommt es, mehr oder weniger auch nur aufgrund von persönlichen Eitelkeiten, zum Krieg mit Russland. Anschließend endet das Stück mit dem zweiten Teil von Ubus Prozess. Im Reportagestil werden die Protagonisten mit investigativ-reißerischen Journalistenfragen konfrontiert und antworten plötzlich erstaunlich natürlich und ehrlich, als wären sie eben aus einem schlechten Traum erwacht. Der Soldat hat selbstverständlich nur Befehle ausgeführt, das Ausmaß und die Folgen waren im dabei völlig egal. Auch alle anderen geben zwar zu, Teil des Gesamtsystems gewesen zu sein, sind sich selber aber keiner direkten Schuld bewusst. Am Ende ist auch König Ubu kein naiver Stumpfling mehr, sondern gibt vor Gericht erstaunlich schlaue Sätze zu Protokoll. Er fragt, was diese Gerichtsverhandlung eigentlich soll, steht sie doch nur im Interesse einiger weniger, die die Moral hochhalten wollen. Er gibt wahrheitsgemäß zu verstehen, selbst nie jemanden getötet zu haben. Dann endet die Vorstellung, wie sie begonnen hat mit dem Verlesen der Anklageschrift und der Vorhang fällt. Zurück auf Anfang.

Fazit: Der Firniss der Zivilisation ist dünn, doch er lässt sich auch nicht nur von einem Einzelnen zerreißen.

Epilog:
Ich bin nach wie vor nicht überzeugt davon, ob Theater noch irgendwann eine von mir präferierte Kunstform sein wird, aber von der Umsetzung dieses Stücks konnte man schon begeistert sein. Die schauspielerische Leistung war, soweit ich das einschätzen kann, bis hinein in die Nebenrollen großartig. Das Bühnenbild in Verbindung mit den Liveprojektionen und dem musikalischen Konzept wirkte rund und passend, wie auch die Garderobe aller Handelnden. Und am Ende muss es ja auch jemanden geben, der sich das alles erst einmal ausdenkt und künstlerisch wertvoll auf die Bühne bringt. Das hat hier alles gut geklappt und sicher wird man auf keinen Fall geistig ärmer, wenn man einmal im Jahr (oder so) auch mal in ein Theater geht. Von daher fand ich es auch schön, dass der Saal nicht nur voll war, sondern vom Kunststudenten bis zum pensionierten Lehrerehepaar alle Altersschichten abdeckte. Kultur geht uns schließlich alle an!

Link: www.schauspiel-leipzig.de