Wir waren mal wieder gemeinsam in der großen Stadt. Wenn man zwei kleine Kinder hat, die noch nicht in die Schule gehen, kommt das selten genug vor. Also nicht so sehr das Weggehen an sich, sondern das gemeinsame Weggehen ohne Kinder.
Vorher waren wir deswegen zur Feier des Tages auch noch etwas essen. In Kleinzschocher, einem Suburb von Leipzig. Und wenn man in Kleinzschocher was essen geht, ist das so, als hätte man die eigene kleine Stadt nie verlassen. In Leipzig ist man dort nicht und man ahnt, wo in Leipzig die AfD gewählt wurde und von wem, nämlich der chinesisch essenden Arbeiterfamilie, die sich für alle hörbar über den blinkenden Buddha im Fenster beschwert.

Keine 4 Kilometer weiter waren wir dann mittendrin in Plagwitz, welches, nach allem was man so hört, Connewitz als das nächste große Ding in Leipzig folgt. Dort ist schöner kreativer Aufbruch und aus alten Industriebrachen werden hippe Lofts, Restaurants und studentisch anmutende Veranstaltungsräume. Das „Täubchenthal“, in dem wir das erste Mal waren, gehört da wohl mit dazu. Ein optisch sehr schöner Veranstaltungsort mit Laubengängen (innen und außen), der es in knapp vier Jahren zu einem der angesagten Veranstaltungsorte in Leipzig geschafft hat.

Dann steht man da, zwischen einigen hundert Erst-, Zweit- und Zwanzigsemestern, sowie jungen Kreativen und freut sich, dass es auch in dieser Generation wunderbar positiv idealistische Adoleszente gibt, die eine klare Vorstellung davon haben, wie eine bessere Welt aussehen müsste. Denn so lange es die noch gibt, gibt es auch eine Zukunft. Außerdem macht es einen ein bisschen stolz, dass man trotz seiner beinahe 40 Sommer den heißen Scheiß immer noch erkennt, wenn man ihn sieht, denn der Laden hier ist ausverkauft, wie so viele andere auf der Tour auch, und was soll das anderes heißen, als das hier heute eine Band spielt, die dick im Kommen ist.
Mit ähnlich positiven Eindrücken kommt eine schweizerische Mariachi-Band als Vorband auf die Bühne, die gleich mal klarstellt, das Sachsen offenbar ein riesiges Imageproblem zu haben scheint, nachdem man in Dresden und Leipzig ausschließlich positive Erfahrungen mit den Menschen gemacht hätte. Mit Mariachis als Einheizer kann man jedenfalls schon mal nicht viel falsch machen, wie sich zeigt. Das Publikum ist von Anfang an sehr dankbar, trotz dicker Luft im Raum, relativ dumpfer Akkustik in den hinteren Reihen und wenig Platz.

Nach der Vorband und einer etwas lang bemessenen Zwischenpause kommen dann „Faber“ auf die Bühne. Eigentlich konnte ich vor dem Konzert gar nicht so richtig erklären, warum die Band mich so überzeugt, seit ich sie entdeckte. Während des Konzertes wurde es aber um einiges klarer.
Da stehen einfach einige unverbrauchte Multiinstrumentalisten Anfang zwanzig auf der Bühne, die zwar die Musik nicht neu erfinden, aber mit viel Spiel- und Experimentierfreude einen ehrlichen und vor allem abwechslungsreichen Mix verschiedener Musikstile abliefern. Ein breites, fast kindlich dargebotenes Spektrum zwischen Balkanpop und Schweizer Liedermaching. Da spielt der Pianist zwischendurch auch mal Akkordeon, einer wechselt stetig zwischen Perkussionsschlagzeug und Posaune und allen merkt man an, dass sie ihre Songs prinzipiell ungern noch mal haargenauso spielen, wie am Abend zuvor. Das macht Spaß, auch bei den ruhigen und ernsten Liedern. Trotzdem würde die Musik alleine nicht so gut funktionieren, gäbe es nicht die Präsenz und einzigartige Stimmfarbe des Sängers sowie vor allem die schönen direkten zeitgeistigen Texte, die von Liebe, Krieg und Sozialkritik handeln. Wovon auch sonst. Das ist schön, wird aber auch nie oberlehrerhaft, denn irgendwie schwingt immer auch eine leichte Nuance Selbstironie über allem, welche der Ernsthaftigkeit jedes „zu viel“ an Druck nimmt. Man sah hier eine Band, die im Aufbruch ist und die sich ernsthaft und ehrlich staunend darüber freut, dass auf einmal tausende Leute zu ihren Konzerten kommen und sogar die Lieder mitsingen können.

An diesem Abend gibt es insgesamt nichts zu kritisieren. Ich bin mir sicher, dass man die auf den meisten großen Festivals im nächsten Sommer wird sehen können. Gleichzeitig bin ich gespannt, wie es mit dieser Band musikalisch weitergeht, wenn sich der erste Hype gelegt hat. Ich bin mir sicher, da schlummert noch so einiges auf der Suche nach dem eigenen Stil.